
Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) rechnet für Marokko 2026 mit einem Wirtschaftswachstum von 4,8 Prozent und damit spürbar mehr als zuletzt die marokkanische Zentralbank Bank Al-Maghrib, die am 22. September nur 4,4 Prozent in Aussicht gestellt hatte. Das geht aus dem am 24. September veröffentlichten Regionalbericht „Running Dry“ hervor, in dem die Entwicklungsbank ihre Wachstumsaussichten für die Volkswirtschaften im südlichen und östlichen Mittelmeerraum aktualisiert. Für 2027 erwartet die EBRD eine moderatere Zunahme von 3,9 Prozent.
Erholung der Landwirtschaft als Wachstumsmotor
Grund für die vergleichsweise optimistische Einschätzung ist vor allem die kräftige Erholung der marokkanischen Landwirtschaft nach mehreren Dürrejahren. Nach EBRD-Angaben legte die Wertschöpfung des Agrarsektors im ersten Quartal 2026 um 18,4 Prozent zu, für das zweite Quartal wird ein Plus von schätzungsweise 20,5 Prozent angenommen. Möglich wurde der Aufschwung durch ergiebige Winterniederschläge, die die zuvor stark gesunkenen Reserven in den Stauseen des Landes wieder auffüllten. Neben der Landwirtschaft stützen der Analyse zufolge auch Einnahmen aus dem Tourismus sowie Rücküberweisungen der im Ausland lebenden Marokkanerinnen und Marokkaner die Konjunktur, während die Inflation im Land trotz steigender Energiepreise in der Region insgesamt niedrig bleibt.
Regionale Risiken trotz Aufwärtskorrektur
Für die Region insgesamt fällt die EBRD-Prognose dagegen zurückhaltender aus: Für die von ihr finanzierten Volkswirtschaften rechnet die Bank 2026 nur noch mit 2,5 Prozent Wachstum, ehe sich das Tempo 2027 auf 4,0 Prozent beschleunigen soll. „Wasserknappheit, extreme Wetterereignisse und höhere Finanzierungskosten verstärken die Auswirkungen hoher Energiekosten“, sagte EBRD-Chefökonomin Beata Javorcik anlässlich der Vorstellung des Berichts. Marokko zählt den Angaben zufolge trotz dieser regionalen Belastungsfaktoren zu den stärker wachsenden Volkswirtschaften im südlichen und östlichen Mittelmeerraum.
Uneinheitliches Bild unter den Prognoseinstituten
Die EBRD-Zahlen reihen sich in eine Serie zuletzt auseinanderlaufender Wachstumsprognosen für Marokko ein. Während Bank Al-Maghrib ihre Erwartung für 2026 auf 4,4 Prozent und für 2027 sogar auf nur noch 2,9 Prozent gesenkt hatte, war die marokkanische Regierung im Sommer noch von 5,3 Prozent ausgegangen; die Ratingagentur Fitch hatte zuletzt 4,0 Prozent veranschlagt. Die Bandbreite der Einschätzungen zeigt, wie unterschiedlich die Institute die Nachhaltigkeit der landwirtschaftlichen Erholung einerseits und die anhaltende Schwäche in Industrie und Bergbau andererseits gewichten – ein Streitpunkt, der für die künftige marokkanische Regierung nach den Parlamentswahlen vom 23. September an Bedeutung gewinnen dürfte, sobald es um die Finanzierung von Wahlversprechen bei Löhnen und Beschäftigung geht.
Quellen: Morocco World News, EBRD


