
Bei den marokkanischen Parlamentswahlen vom 23. September hat ein bis dahin politisch unbekannter Content Creator für die vielleicht größte Überraschung des Abends gesorgt: Oussama Barik, der auf Facebook und YouTube seit Jahren aus den entlegenen Dörfern der Provinz Midelt berichtet, zieht für die Partei der Einheit und Demokratie (PUD) ins Parlament ein – der erste Sitz überhaupt, den die Kleinpartei landesweit gewinnt.
Vom Schulweg im Mittleren Atlas zum viralen Video
Barik, mit bürgerlichem Namen Abdelaziz Barik, ist 28 Jahre alt und stammt aus dem Dorf Asentath in der Gemeinde Bou Azmou nahe Imilchil, einer der abgelegensten Regionen im Mittleren Atlas. Als Kind legte er nach eigenen Angaben täglich rund 15 Kilometer zu Fuß zurück, um zur Schule zu gelangen. Nach einem Geografiestudium begann er, das Alltagsleben in den Bergdörfern seiner Heimat zu dokumentieren: Armut, mangelhafte Gesundheits- und Bildungsversorgung, marode Straßen und die Isolation ganzer Ortschaften im Winter, wenn Schnee Schulwege unpassierbar macht und Kinder auf dem langen Weg zur Schule zusammenbrechen. Im Juli erlangte er durch einen Auftritt in der Radiosendung „Bidoun Loughat Khachab“ landesweite Bekanntheit.
Wahlkampf mit einem Auto und Flugblättern
Seinen Wahlkampf in Midelt bestritt Barik nach Berichten marokkanischer Medien denkbar bescheiden: mit handverteilten Flugblättern, wöchentlichen Besuchen auf den Wochenmärkten der Region und Tür-zu-Tür-Gesprächen, transportiert in einem einzigen Auto. Die PUD-Führung räumte ein, dass die Partei den Wahlkampf nur durch Kredite und private Zuschüsse habe finanzieren können – seine Reichweite in den sozialen Medien habe die fehlenden Mittel ausgeglichen. Nach vorläufigen Ergebnissen bei rund 80 Prozent ausgezählter Stimmen kam Barik auf 21,19 Prozent beziehungsweise 32.684 Stimmen und ließ damit den bisherigen Abgeordneten Marouane Chabâatou von der PAM (8,94 Prozent) sowie Rachid Alaoui Taïbi von der Bewegung der Volksdemokraten (11,93 Prozent) klar hinter sich.
Hohe Erwartungen an den neuen Abgeordneten
In einem Video, das er nach Bekanntwerden der Ergebnisse auf Facebook veröffentlichte, dankte Barik seinen Wählern und erklärte, sein Team habe mit „bescheidenen Mitteln“ gemeinsam „das Unmögliche“ erreicht. In den Kommentaren unter seinen Beiträgen mahnten zahlreiche Nutzer bereits an, dass er nun konkrete Verbesserungen für die abgelegenen Gemeinden seiner Heimatregion liefern müsse – von Straßen über Internetzugang bis zur medizinischen Versorgung. Sein Wahlerfolg wird in marokkanischen Medien vielfach als Ermutigung für junge Menschen aus ländlichen Regionen gedeutet, sich stärker politisch zu engagieren.
Quellen: Morocco World News, Le Matin, Hespress English


