
Die neuen Ergebnisse der internationalen PISA-Vergleichsstudie 2025 zeichnen ein ernüchterndes Bild vom marokkanischen Schulsystem: Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die weltweit rund 760.000 15-jährige Schülerinnen und Schüler aus 91 Ländern und Volkswirtschaften getestet hat, erreicht ein Großteil der marokkanischen Teilnehmer nicht einmal die grundlegende Kompetenzstufe 2 – jene Schwelle, ab der Jugendliche als fähig gelten, einfache Alltagsprobleme mithilfe von Lese-, Mathematik- oder Naturwissenschaftskenntnissen zu lösen. Laut den am Wochenende veröffentlichten Daten verfehlen rund 73 Prozent der marokkanischen Getesteten dieses Mindestniveau – gegenüber einem OECD-Durchschnitt von knapp 20 Prozent.
Deutlich unter OECD-Schnitt in allen Kernfächern
Im Detail erreichte Marokko im Schnitt 358 Punkte in den Naturwissenschaften, 355 Punkte in Mathematik und 321 Punkte im Lesen – in allen drei Bereichen liegen die Werte klar unter dem jeweiligen OECD-Mittel. Nur 23 Prozent der marokkanischen Schüler kommen in den Naturwissenschaften über die Mindestkompetenzstufe 2 hinaus, in Mathematik sind es 16 Prozent und im Lesen lediglich 13 Prozent – zum Vergleich liegen die OECD-Durchschnittswerte bei 74, 65 und 69 Prozent. Spitzenleistungen bleiben die Ausnahme: Nur 0,1 Prozent der marokkanischen Jugendlichen erreichen die höchsten Kompetenzstufen 5 oder 6, im OECD-Schnitt sind es 11,9 Prozent. Etwas besser schnitt Marokko beim neu eingeführten Testfeld des computergestützten Problemlösens ab, wo der Landesschnitt bei 374 Punkten lag. Im Vergleich zur letzten Erhebung 2022 sind die Werte weiter gesunken: minus 10 Punkte in Mathematik, minus 18 Punkte im Lesen. Seit der ersten marokkanischen PISA-Teilnahme 2018 ist der Anteil der leistungsschwächsten Schüler in allen drei Fächern gewachsen – im Lesen um 14 Prozentpunkte, in Mathematik und den Naturwissenschaften um jeweils 8 Prozentpunkte.
Gestörter Unterricht und fehlende Ausstattung als Belastung
Die Studie liefert auch Hinweise auf mögliche Ursachen abseits der reinen Testergebnisse. So gaben 36 Prozent der marokkanischen Schüler an, bereits ganze Schultage geschwänzt zu haben, gegenüber 22 Prozent im OECD-Schnitt; 62 Prozent versäumten zumindest einzelne Unterrichtsstunden, 59 Prozent kamen nach eigenen Angaben regelmäßig zu spät. Auch die Unterrichtsqualität leidet unter Störungen: 41 Prozent der Befragten berichteten von Lärm und Unordnung im Klassenzimmer, 39 Prozent gaben an, Mitschüler würden der Lehrkraft nicht zuhören, und 36 Prozent fühlten sich im Naturwissenschaftsunterricht durch die Bedingungen im Lernen behindert. Hinzu kommen strukturelle Defizite: 69 Prozent der marokkanischen Schüler besuchen Schulen, an denen es laut Schulleitungen an Lehrmaterial mangelt, an 52 Prozent der Schulen fehlt es an ausreichender baulicher Infrastruktur.
Motivation der Schüler kein Kernproblem
Bemerkenswert ist, dass die Ergebnisse nicht auf mangelnden Lerneifer zurückzuführen scheinen: 67 Prozent der marokkanischen Schüler gaben an, bei schwierigen Aufgaben zusätzliche Anstrengung zu investieren – mehr als im OECD-Schnitt von 60 Prozent. Nur 17 Prozent halten Schule für Zeitverschwendung, deutlich weniger als im OECD-Mittel von 24 Prozent. Auch die Bereitschaft, sich Hilfe zu holen, ist hoch: 82 Prozent wenden sich bei Problemen an Lehrkräfte, 84 Prozent an Mitschüler. Die PISA-Resultate dürften der scheidenden Regierung, die den Ausbau von sogenannten Pionierschulen und die Reform des öffentlichen Bildungswesens zu einem ihrer zentralen Versprechen gemacht hat, in den kommenden Wochen des Wahlkampfs vor der Parlamentswahl am 23. September zusätzlichen Rechtfertigungsdruck bescheren.
Quellen: Morocco World News, OECD, Hespress Français


