
Die Inflation in Marokko nähert sich wieder einem Niveau an, das gemeinhin als Preisstabilität gilt. Die Zentralbank Bank Al-Maghrib rechnet für 2026 mit einer durchschnittlichen Teuerungsrate von 1,5 Prozent, die 2027 leicht auf 2,1 Prozent steigen soll. Auch Daten des Statistikamts HCP zeigen eine deutliche Verlangsamung gegenüber dem Inflationsschub der Jahre 2022 und 2023; einzelne Lebensmittel wurden zuletzt sogar günstiger.
Für viele Marokkanerinnen und Marokkaner ändert das jedoch wenig am Alltag: Die gestiegenen Lebenshaltungskosten bleiben die größte wirtschaftliche Sorge im Land. Ökonomen erklären das mit einem verbreiteten Missverständnis: Eine sinkende Inflation bedeutet nicht, dass die Preise sinken – sie steigen nur langsamer.
„Die Inflation misst die Geschwindigkeit, mit der die Preise steigen – nicht das Preisniveau selbst“, erläuterte der auf öffentliche Finanzen spezialisierte Ökonom Ahmed Bouabid gegenüber Hespress. „Sinkt die Inflation von 6 auf 1,5 Prozent, steigen die Preise trotzdem weiter, nur deutlich langsamer.“ Haushalte vergleichen ihre Ausgaben aber selten mit der Inflationsrate des Vorjahres, sondern mit dem, was sie vor drei oder vier Jahren gezahlt haben – und dort schlagen die kräftigen Preissprünge von 2022 und 2023 weiterhin zu Buche.
Verschärft wird das Problem dadurch, dass Löhne und Haushaltseinkommen in vielen Fällen nicht mit dem kumulierten Preisanstieg der vergangenen Jahre Schritt gehalten haben. Besonders hart trifft es einkommensschwache Haushalte, die einen überdurchschnittlich hohen Anteil ihres Budgets für Lebensmittel, Transport und Energie ausgeben – also genau jene Kategorien, die in den vergangenen Jahren am stärksten verteuert wurden.
Der Ökonom Mohamed Yazidi Chafai ergänzte, dass die offizielle Inflationsrate auf einem landesweiten Durchschnittswarenkorb beruhe, während jeder Haushalt faktisch seine eigene, individuelle Teuerung erlebe. Regionale Unterschiede kämen hinzu: Haushalte in Regionen, in denen Lebensmittel einen größeren Anteil der Ausgaben ausmachen, spürten Preissteigerungen besonders deutlich. Eine echte Verbesserung der Kaufkraft, so beide Ökonomen, werde erst mit stärkerem Lohnwachstum, mehr Beschäftigung und höherer Produktivität spürbar – die positiven Inflationsprognosen der Zentralbank allein reichten dafür nicht aus.
Quelle: Hespress English


