
Am Hafenkomplex Nador West Med im Nordosten Marokkos soll eine Anlage für nachhaltigen Flugkraftstoff entstehen. Das Projekt hat ein Investitionsvolumen von 239 Millionen US-Dollar und wird von der Entwicklungsbank EBRD mit einem Kredit von bis zu 105 Millionen Dollar geprüft. Hinter dem Vorhaben steht die in Doha ansässige Firma Green Sky Capital, an der laut Projektunterlagen Green Sky Capital Management, der katarische Al Mana Holding und die saudische Vision Invest beteiligt sind.
200.000 Tonnen aus Altfetten
Die Anlage soll nach dem HEFA-Verfahren arbeiten, das Axens lizenziert. Als Rohstoff dienen rund 200.000 Tonnen Abfallöle und -fette pro Jahr, darunter gebrauchtes Speiseöl, tierische Fette und Rückstände aus der Speiseölraffination. Das Ergebnis ist ein sogenannter Drop-in-Kraftstoff, der in bestehenden Flugzeugtriebwerken und Flughafeninfrastrukturen eingesetzt werden kann und die Nachhaltigkeitskriterien der EU-Richtlinie RED III erfüllen soll. Als Nebenprodukte entstehen erneuerbarer Diesel, Naphtha und kleine Mengen Bio-Propan. Der Flugkraftstoff ist vor allem für den Export über den Hafen vorgesehen.
Das Inlandsöl soll per Tanklastwagen angeliefert werden, Importware kommt über den Hafen Nador West Med. Die Anlage entsteht in der Industrie- und Logistikzone Bétoya, rund 30 Kilometer westlich von Nador, auf etwa 8,8 Hektar Land, das der Hafenbetreiber für zunächst 20 Jahre verpachtet.
Finanzierung und Zeitplan
Der EBRD-Kredit gliedert sich in eine feste Tranche von 85 Millionen und eine nicht zugesagte Tranche von 20 Millionen Dollar. Bis zu 20 Millionen Dollar soll zusätzlich der Grüne Klimafonds (GCF) mobilisieren. Die EU stützt das Vorhaben mit einer Erstverlustgarantie im Rahmen des Programms EFSD+ „HI-BAR“. Nach einer Mitteilung der Bank vom 14. Oktober soll die Entscheidung des EBRD-Verwaltungsrats am 18. November fallen. Die Inbetriebnahme ist für August 2028 geplant.
Zum Höhepunkt der Bauarbeiten sollen etwa 400 Arbeiter im Einsatz sein, im Betrieb sind rund 162 Beschäftigte vorgesehen. Das Unternehmen peilt bis 2032 einen Frauenanteil von 10 Prozent an. Geplant sind zudem eine Ausbildungsakademie für Techniker sowie ein Pilotprojekt, das von Frauen geführte Kooperativen in die Sammlung von Altspeiseöl einbindet.
Umweltprüfung noch offen
Die vorläufige Umwelt- und Sozialverträglichkeitsstudie weist darauf hin, dass Feinstaub und Stickstoffdioxid an zwei Messstationen nahe Wohnhäusern bereits über den WHO-Richtwerten liegen. Die Sicherheitsanalyse prüfte 36 mögliche Großunfallszenarien; vor Gegenmaßnahmen stuft sie die Risiken für Anwohner und Beschäftigte als mittel bis hoch ein. Das Projekt braucht zudem eine detaillierte Umweltverträglichkeitsprüfung mit öffentlicher Anhörung sowie die marokkanische Umweltgenehmigung. Konsultationen mit den Gemeinden im Umkreis von etwa zwei Kilometern waren für Mitte Oktober angesetzt.
Für Marokko wäre es eine der ersten Anlagen dieser Größenordnung für nachhaltigen Flugkraftstoff. Der Hafen Nador West Med, der im September seine Testphase am Ost-Terminal bestanden hat, würde damit um einen Industriestandort für Energiewende-Produkte ergänzt.
Quellen: Morocco World News, Le Matin


