Ijazah und Überlieferung: Marokkos Königsakademie gründet Lehrstuhl für maghrebinische Kalligraphie

Aufgeschlagenes Koran-Manuskript aus dem 14. Jahrhundert in maghrebinischer Kalligraphie, Kasbah-Museum Tanger
Foto: Melenn14, Lizenz CC0, Quelle: Wikimedia Commons

Die Akademie des Königreichs Marokko hat am Freitag in Rabat eine eigene Forschungslehrstuhl für maghrebinische Kalligraphie ins Leben gerufen. Ziel der neuen Einrichtung ist es, die jahrhundertealte Schrifttradition Nordafrikas systematisch zu dokumentieren, wissenschaftlich zu erforschen und international sichtbarer zu machen. Bei der Eröffnung betonte der Ständige Sekretär der Akademie, Abdeljalil Lahjomri, die kulturelle Eigenständigkeit der Schriftform: Die maghrebinische Kalligraphie sei „nicht in einem flüchtigen Moment entstanden und auch keine bloße ästhetische Variante der arabischen Schrift“, sagte er laut Berichten vor Ort. Der Lehrstuhl solle ihr „die Forschung und Dokumentation zukommen lassen, die ihr zusteht“ – auch mit Blick auf ihre nationale und zivilisatorische Bedeutung.

Ein Erbe zwischen Kairouan, Fès und Andalusien

Die maghrebinische Kalligraphie entwickelte sich vom frühen Islam an über Zentren wie Kairouan, Fès und das maurische Andalusien zu einer eigenständigen Schultradition, die sich deutlich von späteren osmanischen Kalligraphie-Stilen unterscheidet. Während sich in der osmanischen Welt ein formalisiertes Lehrer-Schüler-System mit klaren Zertifizierungswegen etablierte, wurde das Wissen im Maghreb traditionell eher über gemeinschaftliche und handwerkliche Strukturen weitergegeben – mit der Folge, dass die Überlieferungsketten zwischen Meistern und Schülern über Generationen hinweg deutlich lückenhafter dokumentiert sind. Genau hier setzt der neue Lehrstuhl an: Laut dem für die Leitung zuständigen Belaid Hamidi soll ein dokumentiertes System der sogenannten Ijazah – traditioneller Zertifikate, die die Weitergabe von Meister zu Schüler bezeugen – sowie nachvollziehbare Überlieferungsketten aufgebaut werden.

Forschung, Ausbildung und internationale Vernetzung

Neben der Dokumentationsarbeit soll der Lehrstuhl Forschungsprogramme und Ausbildungsinitiativen entwickeln und institutionelle Partnerschaften aufbauen, um die maghrebinische Kalligraphie stärker in akademischen und kulturellen Einrichtungen im Ausland zu verankern. Zugleich soll der Dialog mit anderen arabischen Kalligraphie-Schulen gesucht werden, ohne die eigene Identität der Tradition aufzugeben. An der Eröffnung nahmen mehrere internationale Experten teil, darunter Mahmoud Roul Kilic, Generaldirektor des türkischen Forschungszentrums für islamische Geschichte, Kunst und Kultur (IRCICA), Adiba Romero Sánchez von der spanischen Stiftung Thaqara Cultural Foundation aus Granada sowie Farid Al Ali, Direktor des Kuwait Center for Islamic Arts. Ihre Beiträge sollen nach Angaben der Akademie in die weitere Ausrichtung der Forschungsinitiativen einfließen.

Sichtbares Erbe in marokkanischen Museen

Wie prägend die maghrebinische Schrift bis heute ist, zeigen historische Handschriften, die in marokkanischen Sammlungen erhalten sind – etwa ein Koran-Manuskript aus dem 14. Jahrhundert im Kasbah-Museum von Tanger, dessen Verse in charakteristischer brauner Ockertinte mit roter Vokalisierung geschrieben sind. Mit dem neuen Lehrstuhl erhält dieses Erbe nun erstmals eine feste institutionelle Heimat innerhalb der Akademie des Königreichs, die als höchstes wissenschaftlich-kulturelles Beratungsgremium des Landes gilt.

Quellen: Hespress English

Nach oben scrollen