
Am Fuß des Jbel Moussa, direkt an der Meerenge von Gibraltar, startet im September 2026 eine neue archäologische Grabungskampagne am mittelalterlichen Fundort Belyounech. Fast ein halbes Jahrhundert nach den ersten Forschungen der 1970er-Jahre nehmen sich Wissenschaftler erneut der einstigen Hafenstadt an, die einst 175 Hektar bedeckte. Getragen wird das Projekt von einer wissenschaftlichen Kooperation zwischen dem marokkanischen Institut national des sciences de l’archéologie et du patrimoine (INSAP) und dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) mit Sitz in Madrid.
Erste Vermessungen bereits abgeschlossen
Geleitet wird die Kampagne gemeinsam von Professorin Asmae El Kacimi vom INSAP und Professor Felix Arnold vom DAI. Eine vorbereitende Mission fand bereits vom 27. bis 31. Juli 2026 vor Ort statt, wie das marokkanische Ministerium für Jugend, Kultur und Kommunikation mitteilte. Dabei erstellten die Teams topografische Vermessungen, die eine präzise Kartierung des Geländes und der noch sichtbaren Überreste ermöglichen. Ab September sollen neue Grabungsabschnitte geöffnet und die bereits bekannten Überreste systematisch dokumentiert werden – im Fokus stehen Wohnhäuser, Gärten, landwirtschaftliche Flächen und Bäder.
Wasser als Schlüssel zum Verständnis der Stadt
Ein zentrales Forschungsthema ist die Wasserversorgung: Die Archäologen wollen die sogenannten Saqiya untersuchen, Kanäle, die einst Wasser zu den landwirtschaftlichen Flächen und verschiedenen Bereichen der Stadt leiteten. Das System war offenbar so leistungsfähig, dass Kalif Abu Yaqub Yusuf 1184/1185 das hydraulische Netz von Belyounech ausbauen ließ, um Wasser bis nach Ceuta zu leiten. Untersucht werden zudem die sogenannten Munya, herrschaftliche Anwesen mit Gärten und landwirtschaftlichen Flächen, die Aufschluss über die Organisation der Wohnviertel geben sollen.
Ein Hafen mit Blick auf Al-Andalus
Belyounech war schon im achten Jahrhundert unter dem Namen „Marsa Musa“ bekannt und diente als Stützpunkt für militärische Expeditionen Richtung Al-Andalus, bevor sich der Ort zu einer bedeutenden maritimen Anlaufstelle entwickelte. Ihre Blütezeit erlebte die Stadt unter den Almohaden und Meriniden, als sie zugleich als landwirtschaftliches Hinterland von Ceuta diente. Der Historiker al-Ansari al-Sabti beschrieb die Siedlung Anfang des 14. Jahrhunderts als Agglomeration mit 24 Landgütern, 19 Moscheen und 16 Öfen, ergänzt durch Lagerhäuser am Strand und mehrere Wehrtürme. Die neue Kampagne knüpft an die Pionierarbeit der Archäologin Joudia Hassar Benslimane an, die den Fundort in den 1970er-Jahren erstmals systematisch erforschte – nun stehen den Wissenschaftlern moderne, fächerübergreifende Methoden und digitale Dokumentationstechniken zur Verfügung, um ein genaueres Bild vom Alltag der mittelalterlichen Bewohner zu zeichnen.
Quellen: Le360, Hespress English


