
Der UN-Hohe Flüchtlingskommissar Barham Salih hat die humanitäre Lage in den Tindouf-Lagern auf algerischem Boden vor dem UN-Sicherheitsrat scharf kritisiert. Die seit einem halben Jahrhundert andauernde „Absonderung der Bevölkerung auf algerischem Boden“ sei „untragbar“ und „nicht länger hinnehmbar“, sagte Salih bei der Sitzung am 25. September in New York. Ganze Generationen wüchsen dort „in Ungewissheit und mit begrenzten Perspektiven“ auf.
Unterernährung und fehlender Zensus
Salih zeichnete ein düsteres Bild der Versorgungslage: 78 Prozent der Lagerbewohner gelten laut UNHCR als von Ernährungsunsicherheit betroffen oder bedroht, 53,5 Prozent der Frauen leiden an Blutarmut, und bei 11 Prozent der Kinder wurde akute Mangelernährung festgestellt. Die humanitären Hilfsprogramme seien „chronisch unterfinanziert“. Erschwerend komme hinzu, dass weder UNHCR noch Algerien je eine formale Volkszählung in den Lagern durchgeführt hätten – verlässliche Angaben zur tatsächlichen Bewohnerzahl fehlen damit bis heute. Der Flüchtlingskommissar verwies zudem auf Berichte über Einschränkungen der Bewegungs- und Meinungsfreiheit, willkürliche Festnahmen sowie ein Verbot für die Bewohner, offiziell zu arbeiten oder die Lager frei zu verlassen.
Drei Lösungswege gefordert
Als Ausweg forderte Salih, den unterschiedlichen Lebensperspektiven der Betroffenen Rechnung zu tragen und ihnen „informierte und freiwillige Entscheidungen“ zu ermöglichen – etwa zwischen freiwilliger Rückkehr, Neuansiedlung in einem Drittstaat oder Integration im Aufnahmeland. Nach UNHCR-Angaben hat die Organisation seit 2021 umgerechnet rund 90 Millionen Dollar (etwa 900 Millionen Dirham) für die Lager mobilisiert.
Marokko verweist auf Milliardenprogramm für die Südprovinzen
Rabat reagierte mit dem Hinweis auf eigene Investitionen: Seit 2015 habe Marokko umgerechnet rund 7,7 Milliarden Dollar (77 Milliarden Dirham) in die Entwicklung der Südprovinzen gesteckt. König Mohammed VI. hatte wiederholt eine „Rückkehr in Würde“ für die Lagerbewohner in Aussicht gestellt – ausdrücklich auf „strikt individueller und freiwilliger Basis“. Marokko drängt die UNHCR zudem seit längerem darauf, ihre Tindouf-Finanzierung stärker auf „dauerhafte Lösungen“ statt auf die Verwaltung des Status quo auszurichten. Der Autonomieplan des Königreichs für die Westsahara unter marokkanischer Souveränität gilt für Rabat nach der UN-Sicherheitsratsresolution 2797 vom Oktober 2025 weiterhin als „unumkehrbarer“ Lösungsweg, während Algerien und die Polisario-Front an anderen Positionen festhalten. Der Sicherheitsrat hat bislang keine neue Resolution zur Tindouf-Frage verabschiedet; Beobachter erwarten, dass das Thema angesichts der wachsenden internationalen Kritik an der humanitären Lage auf der Agenda bleibt.
Quellen: Morocco World News, Morocco World News


