
Marokkos Jugend organisiert sich zunehmend online statt über klassische Parteikanäle: Laut dem aktuellen Jahresbericht des Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrats (CESE) nutzen junge Menschen verstärkt digitale Plattformen für zivilgesellschaftliches Engagement – während das Vertrauen in traditionelle politische Institutionen weiter sinkt.
70 Prozent misstrauen gewählten Institutionen
Die Zahlen, auf die sich der CESE-Bericht stützt, sind deutlich: Rund 70 Prozent der jungen Marokkanerinnen und Marokkaner geben an, gewählten öffentlichen Institutionen und Parteien nicht zu vertrauen. Als Ursache nennt der Rat die wahrgenommene Unfähigkeit politischer Entscheidungsträger, wiederkehrende wirtschaftliche und soziale Probleme zu lösen, die junge Menschen unmittelbar betreffen – von Jugendarbeitslosigkeit bis zu Lebenshaltungskosten.
Messenger-Gruppen statt Parteibüros
Statt sich in klassischen Parteistrukturen zu engagieren, organisieren sich junge Marokkanerinnen und Marokkaner zunehmend über Messaging-Dienste und Online-Plattformen wie Discord. Studierendenkoalitionen und spontane Basisbewegungen entstehen dabei oft ad hoc rund um konkrete Anliegen, statt sich einer bestehenden ideologischen Strömung anzuschließen. Der CESE wertet dies als Ausdruck eines grundlegenden Wandels politischer Beteiligung: Die Stärke dieser Generation liege weniger in ideologischer Geschlossenheit als in ihrer Organisationsfähigkeit.
Neue Formen demokratischer Praxis
Beobachter sehen in dieser Entwicklung nicht zwangsläufig politische Apathie, sondern eine Suche nach neuen Beteiligungsformen jenseits etablierter Kanäle. Für die Verantwortlichen in Rabat entsteht damit eine doppelte Herausforderung: Zum einen müssen die konkreten Anliegen dieser Generation – Beschäftigung, Ausbildung, soziale Teilhabe – politisch aufgegriffen werden. Zum anderen stellt sich die grundsätzlichere Frage, wie sich digital organisierte Bürgerbeteiligung in bestehende demokratische Institutionen einbinden lässt, bevor sich die Distanz zwischen Jugend und Politik weiter vertieft.
Quellen: BarlamanToday


