Wahlkampf und Religionsfreiheit: Marokkos Christen suchen Gehör bei den Parteien

Kathedrale Saint-Pierre in Rabat, Kirche der katholischen Gemeinde in Marokko
Foto: Nawalbennani, Lizenz CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikimedia Commons

Gut vier Wochen vor der Parlamentswahl am 23. September rückt ein bislang selten offen diskutiertes Thema in den marokkanischen Wahlkampf: die Lage religiöser Minderheiten. Zwei Organisationen, die marokkanische Christen vertreten, haben in dieser Woche den Kontakt zu politischen Parteien gesucht, um Religionsfreiheit und die Rechte nicht-muslimischer Marokkaner in Wahl- und Regierungsprogrammen zu verankern.

Zurückhaltung aus Angst vor Stimmenverlust

Die „Coordination des Chrétiens Marocains“ wünscht sich laut ihrem Generalsekretär Mustapha Soussi vor allem von linken Parteien, dass sie sich öffentlich zur Glaubensfreiheit und zu den Rechten religiöser Minderheiten bekennen. Soussi zufolge scheuen zahlreiche Parteien bislang eine klare Positionierung aus Sorge, in dem mehrheitlich muslimischen Land Wählerstimmen zu verlieren. Seine Organisation suche bereits seit rund 2018 den Dialog mit politischen Gruppierungen. Da die meisten Wahlprogramme inzwischen weitgehend fertiggestellt seien, wolle die Coordination vertiefte Gespräche erst nach dem Urnengang am 23. September führen.

Zweite Organisation ohne offizielle Anerkennung

Auch die „Union des Chrétiens Marocains“ habe sich mit eigenen Vorschlägen und der Frage einer möglichen politischen Beteiligung an mehrere Parteien gewandt, berichtete Präsident Adam Rabati. Ein über ein ranghohes Mitglied der Authenticity and Modernity Party (PAM) übermitteltes Anliegen sei bislang unbeantwortet geblieben. Die Union, die von den marokkanischen Behörden nicht offiziell zugelassen ist, plane, Christinnen und Christen nach Prüfung der Parteiprogramme zur Stimmabgabe zu ermutigen. Beide Organisationen bemängeln übereinstimmend, dass Religionsfreiheit von Parteien bislang eher als persönliche Haltung einzelner Politiker behandelt werde als als Gegenstand einer formalen Programmpolitik.

Ein wiederkehrendes Anliegen

Konkrete Forderungen marokkanischer Christen sind nicht neu: Bereits im Mai hatte die Union des Chrétiens Marocains in einem offenen Brief an Parteivorsitzende einen klaren rechtlichen Rahmen für das Personenstandsrecht nicht-muslimischer Marokkaner verlangt – etwa bei Eheschließung, Scheidung und Erbschaft, um Rechtssicherheit zu schaffen und behördliche Hürden abzubauen. Hinzu kamen der Wunsch nach würdigen Friedhöfen für verstorbene Christen, nach geschütztem Zugang zu Gottesdiensten in privaten wie öffentlichen Räumen und nach der Aufnahme von Pluralismus und Koexistenz in Lehrpläne und öffentliche Medien.

Dass beide Organisationen nun erneut und gezielt im Vorfeld der Wahl an die Parteien herantreten, unterstreicht, dass das Thema für die kleine, oft im Verborgenen lebende Gemeinschaft an Dringlichkeit gewinnt – auch wenn ein greifbares politisches Echo bislang ausbleibt. Genaue Zahlen zur Größe der christlichen Gemeinschaft marokkanischer Staatsangehöriger existieren nicht; Beobachter gehen von einer kleinen, überwiegend nicht öffentlich lebenden Gruppe aus, die sich neben ausländischen Christen in Marokko organisiert.

Quellen: Hespress English, TelQuel

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