Gewerkschaft schlägt Alarm: Frankreichs neues Anti-Kaltakquise-Gesetz bedroht Marokkos Callcenter-Jobs

Bürotürme im Geschäftsviertel Casablanca Finance City
Foto: Turdyfirst, Lizenz CC BY-SA 4.0, Quelle: Wikimedia Commons

Marokkos Callcenter- und Offshoring-Branche gerät unter Druck: Die Nationale Föderation der Callcenter- und Offshoring-Berufe (FNCAMO), die der Gewerkschaft UMT angehört, hat der Regierung am Dienstag ein Memorandum überreicht und eine dringende Neuverhandlung der marokkanischen Offshoring-Strategie bis 2030 gefordert. Auslöser ist ein neues französisches Gesetz, das seit dem 11. August 2026 Telefonwerbung an französische Verbraucherinnen und Verbraucher ohne deren vorherige Zustimmung verbietet – ein Markt, von dem rund 80 Prozent des marokkanischen Callcenter-Geschäfts abhängen.

Gewerkschaft warnt vor Jobverlusten

FNCAMO-Generalsekretär Ayoub Saoud sagte gegenüber dem Wirtschaftsportal Médias24: „Wir haben bereits Unternehmen, die schließen, und Beschäftigte, die von heute auf morgen ohne Arbeit dastehen – manchmal auch ohne ihre Rechte.“ Nach seinen Angaben mussten in Casablanca zuletzt gleich zwei Standorte schließen: Rund 50 Beschäftigte im Technopark gerieten in eine schwierige Lage, in einem weiteren Fall im Stadtviertel Gauthier verloren rund 100 Angestellte ihren Job, darunter viele subsaharische Arbeitskräfte, teils ohne gültige Verträge. Insgesamt geht Saoud – mangels konsolidierter offizieller Daten – von bereits rund 10.000 verlorenen Stellen aus. Arbeitsminister Younes Sekkouri hatte im März gewarnt, bis zu 40.000 bis 50.000 Jobs könnten gefährdet sein, besonders in kleineren Betrieben.

Arbeitgeberseite widerspricht dem Ausmaß der Krise

Youssef Chraibi, Präsident des Arbeitgeberverbands FMES und Mitgründer des Anbieters Outsourcia, zeichnet ein deutlich moderateres Bild: Von rund 90.000 Beschäftigten in der Branche entfielen nur etwa 13.500 auf reine Telefonakquise, direkt betroffen seien höchstens 10.000 Stellen – ein Teil davon könne über Einwilligungskampagnen oder interne Umschulung erhalten werden. Bei Outsourcia selbst seien alle rund 150 betroffenen Mitarbeitenden anderweitig eingesetzt worden, für das laufende Jahr rechne das Unternehmen sogar mit einem Nettozuwachs von etwa 300 Arbeitsplätzen. Rund 80 Prozent der Jobs der Branche entfielen ohnehin auf große, breit diversifizierte Anbieter, die weniger anfällig für den Wegfall einzelner Marktsegmente seien.

Neun Forderungen an die Regierung

Die Gewerkschaft verlangt in ihrem Memorandum unter anderem einen dringenden dreiseitigen Dialog zwischen Regierung, Beschäftigten und Arbeitgebern, die Einbindung von Arbeitnehmervertretern in den technischen Ausschuss für Offshoring sowie ein nationales Umschulungsprogramm mit anerkannten Zertifikaten, bevor technologiebedingte Entlassungen erfolgen. Zudem soll die nationale Arbeitsmarktbeobachtungsstelle beauftragt werden, gefährdete Stellen und künftig benötigte Qualifikationen bis 2030 systematisch zu erfassen. Öffentliche Förderungen sollen laut Forderung künftig an Zusagen der Arbeitgeber zu Beschäftigung, Ausbildung und Arbeitsbedingungen geknüpft werden, ergänzt um einen dauerhaften sozialen Dialog speziell zu Künstlicher Intelligenz und Automatisierung. Saoud betonte zudem, der Staat müsse die Kosten des Wandels mittragen: Beschäftigte mit zehn bis fünfzehn Jahren Betriebszugehörigkeit könnten nicht einfach aufgefordert werden, sich „einen anderen Job zu suchen“ – sie bräuchten Einkommensunterstützung während der Umschulung. Eine offizielle Reaktion der Regierung auf das Memorandum lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.

Quellen: Morocco World News, Yabiladi

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