
Ein internationales Forscherteam hat am prähistorischen Fundort Oued Beht in der marokkanischen Region Khémisset erstmals eindeutige Belege für eine bronzezeitliche Besiedlung nachgewiesen. Die Ende der vergangenen Woche in der Fachzeitschrift „Libyan Studies“ (Cambridge University Press) veröffentlichten Ergebnisse beruhen auf Ausgrabungen und Geländeuntersuchungen aus dem Jahr 2023 und erweitern die bislang bekannte Geschichte des Ortes deutlich über die Jungsteinzeit hinaus.
Mauer, Wall und Graben aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus
Die Archäologinnen und Archäologen legten eine Mauer, Erdwälle und einen parallel verlaufenden Graben frei, die mehrere Phasen von Bau, Reparatur und Zerstörung durchliefen. Siebzehn Radiokarbondatierungen von Samen und Holzkohle datieren die Anlage auf das frühe bis mittlere zweite Jahrtausend vor Christus. Nach Einschätzung der Forschenden könnte es sich um eine frühe Verteidigungsanlage handeln – die früheste bislang gesicherte Konstruktion dieser Art in der Region.
Von der jungsteinzeitlichen Großsiedlung zur befestigten Bronzezeit-Anlage
Oued Beht war 2024 international bekannt geworden, als ein Team um Prof. Cyprian Broodbank (Universität Cambridge), Prof. Youssef Bokbot (Institut National des Sciences de l’Archéologie et du Patrimoine, INSAP) und Prof. Giulio Lucarini (CNR-ISPC und ISMEO) eine bis dahin unbekannte jungsteinzeitliche Ackerbaugesellschaft nachwies, die zwischen etwa 3400 und 2900 vor Christus bestand – der größte bekannte frühe Agrarkomplex Afrikas außerhalb des Niltals. Broodbank erklärte damals, er sei „seit über dreißig Jahren davon überzeugt, dass der mediterranen Archäologie im späteren prähistorischen Nordafrika etwas Grundlegendes gefehlt hat“.
Die neuen Funde zeigen nun einen bemerkenswerten Wandel im Siedlungsmuster: Während sich die jungsteinzeitliche Aktivität auf den nördlichen Teil des Geländes konzentrierte, verlagerte sich die bronzezeitliche Besiedlung in einen schmaleren, leichter zu verteidigenden südlichen Abschnitt. Zugleich revidierten die Forschenden die geschätzte Fläche der jungsteinzeitlichen Siedlung von 9 bis 10 auf nunmehr etwa 10 bis 11 Hektar.
Bedeutung für die nordafrikanische Archäologie
Die Ausgrabungen unterstreichen, dass Oued Beht über Jahrhunderte hinweg durchgehend besiedelt war und weit über die ursprünglich bekannte Jungsteinzeit hinausreicht. Fachleute vergleichen die Fundschicht in ihrer Komplexität mit frühbronzezeitlichen Fundorten wie Troja. Die Entdeckung stärkt damit die These, dass Gesellschaften im heutigen Marokko eine aktive Rolle in den Austauschbeziehungen des frühen westlichen Mittelmeerraums spielten – ein Bild, das die nordafrikanische Vorgeschichte zunehmend aus dem Schatten der besser erforschten Regionen Europas und des Nahen Ostens heraushebt.
Quellen: Yabiladi English, University of Cambridge


