
Marokko wählt: Rund 15,8 Millionen registrierte Wählerinnen und Wähler waren am Mittwoch aufgerufen, ein neues Abgeordnetenhaus mit 395 Sitzen zu bestimmen. Die Wahllokale öffneten um 8 Uhr und schließen um 19 Uhr. Landesweit bewerben sich 1.850 Kandidatenlisten mit insgesamt 7.288 Kandidaturen um die Mandate, statistisch kommen damit mehr als 18 Bewerber auf jeden Sitz. Im Tagesverlauf veröffentlichte das Innenministerium mehrere Zwischenstände zur Beteiligung – ein Gradmesser dafür, ob die Boykott-Aufrufe der vergangenen Wochen den Urnengang tatsächlich schwächen.
Beteiligung zieht bis Mittag an, bleibt aber unter 2021er Niveau
Laut Innenministerium lag die landesweite Wahlbeteiligung um 10 Uhr bei 4,23 Prozent und stieg bis 12 Uhr auf 11,34 Prozent. In einer Mitteilung sprach das Ministerium von „Normalität und Reibungslosigkeit“ beim Ablauf der Abstimmung zur Chambre des Représentants. Zum Vergleich: Bei der Parlamentswahl 2021 hatte die Beteiligung zur Mittagszeit rund 12 Prozent erreicht – damals allerdings im Rahmen eines dreifachen Urnengangs, bei dem zeitgleich auch Kommunal- und Regionalräte gewählt wurden. Das Wahlregister weist einen Frauenanteil von 46 Prozent gegenüber 54 Prozent männlichen Wahlberechtigten auf.
Update 15 Uhr: Sprung auf 21 Prozent
Am Nachmittag beschleunigte sich der Andrang an den Urnen spürbar: Bis 15 Uhr kletterte die landesweite Beteiligung auf 21 Prozent – ein Plus von 9,66 Punkten allein zwischen 12 und 15 Uhr, nachdem der Anstieg zwischen 10 und 12 Uhr noch bei rund 7 Punkten gelegen hatte. Das Innenministerium bezeichnete den Wahlverlauf in allen Präfekturen und Provinzen weiterhin als „gemessen, aber kontinuierlich“ und ohne Zwischenfälle. Eine offizielle Vergleichszahl für 15 Uhr aus dem Jahr 2021 liegt bislang nicht vor.
Weniger Beschwerden als vor fünf Jahren
Ein weiterer Indikator für den bislang geordneten Verlauf: Zwischen dem 21. August und dem 15. September gingen bei den Staatsanwaltschaften landesweit 93 Beschwerden zu mutmaßlichen Wahlverstößen ein – deutlich weniger als die 229 Beschwerden im Vorfeld der Wahl 2021. Für Aufsehen sorgte am Vormittag ein in sozialen Netzwerken kursierendes Video aus El Jadida, das angebliche Unregelmäßigkeiten an einem Wahllokal zeigen sollte. Die zuständige Staatsanwaltschaft stellte nach Prüfung klar, es habe sich um einen Verkehrsunfall mit Fahrerflucht gehandelt, der in keinerlei Zusammenhang mit dem Wahlgeschehen stehe.
Test für die Boykott-Bewegung
Die Wahl findet vor dem Hintergrund anhaltender Spannungen statt: Bewegungen wie Al Adl Wal Ihssane und die Parti Démocratique du Travail hatten zum Boykott aufgerufen, in den vergangenen Tagen waren mehrere Aktivisten der Boykott-Kampagne festgenommen worden. Wie stark sich diese Aufrufe tatsächlich auf die Beteiligung auswirken, dürfte sich erst an der Endbeteiligung nach Schließung der Wahllokale ablesen lassen. Mit ersten landesweiten Ergebnissen wird nach Schließung der Urnen um 19 Uhr beziehungsweise in der Nacht zu Donnerstag gerechnet, erste vorläufige Resultate sollen am 24. September bekanntgegeben werden.
Update 19 Uhr: Wahllokale geschlossen, Stimmauszählung läuft
Bis 17 Uhr kletterte die landesweite Wahlbeteiligung laut Innenministerium weiter auf 28,05 Prozent. Um 19 Uhr schlossen nach elf Stunden Öffnungszeit alle Wahllokale im Land planmäßig ihre Türen. Unmittelbar danach begann in Anwesenheit von Kandidatenvertretern die Auszählung der rund 15,8 Millionen abgegebenen Stimmen in den einzelnen Wahllokalen, zentralen Wahlbüros und Erfassungskommissionen. Eine offizielle Endbeteiligung für den gesamten Wahltag lag zum Zeitpunkt der Schließung noch nicht vor.
Update: Endgültige Beteiligung liegt bei 38,02 Prozent
Am späten Mittwochabend bezifferte das Innenministerium die landesweite Endbeteiligung offiziell auf 38,02 Prozent – gegenüber 50,18 Prozent bei der Wahl 2021 ein deutlicher Rückgang von mehr als zwölf Punkten und der zweitniedrigste Wert seit 2002. Das Ministerium erklärte, die Abstimmung sei „unter normalen Bedingungen in allen Regionen des Königreichs verlaufen, mit nur sehr vereinzelten Ausnahmen an einer begrenzten Zahl von Wahllokalen“. Die Auszählung folgt einem mehrstufigen Verfahren: von den einzelnen Wahllokalen über zentrale Erfassungsbüros bis zu von Magistraten geleiteten Wahlkommissionen, die die endgültigen Ergebnisse validieren. Die offizielle Bekanntgabe der vorläufigen Ergebnisse durch die zuständigen Behörden wird ab dem 24. September erwartet.
Erste Kreiswahl-Ergebnisse und Parteireaktionen
Während landesweite Sitzzahlen noch ausstehen, meldeten einzelne Wahlkreise erste konkrete Resultate. In Rabat-Océan setzte sich laut Hespress der PAM-Kandidat Mehdi Bensaïd, amtierender Jugend-, Kultur- und Kommunikationsminister, mit 5.772 Stimmen durch – vor dem PJD-Kandidaten (3.583 Stimmen), dem RNI-Bewerber (2.140 Stimmen) und dem Kandidaten der Istiqlal-Partei (2.025 Stimmen). Die PAM bezeichnete das Resultat als „sehr positiv“.
Die islamistische PJD wiederum erhob eigenen Angaben zufolge in mehreren Schlüssel-Wahlkreisen Führungsanspruch: Parteivertreter Abdelali Hamieddine erklärte im Namen der Wahlkampfleitung, vorläufige, parteiinterne Auszählungen sähen die PJD in Rabat, Temara, Casablanca, Fès, Meknès, Tanger, Agadir, Inezgane, Taroudant und Sidi Slimane vorn – in „einer erheblichen Zahl von Wahllokalen“. Es handelt sich dabei ausdrücklich um eine Einschätzung der Partei selbst, nicht um von den Behörden bestätigte Ergebnisse; die offizielle Auszählung läuft nach Angaben Hespress‘ weiterhin unter Aufsicht der zuständigen Verwaltungsbehörden. Belastbare, landesweite Sitzverteilungen dürften erst mit der für den 24. September angekündigten offiziellen Bekanntgabe vorliegen.


