
Marokkos Sekretär für soziale Eingliederung, Abdeljabbar Rachidi, hat am Donnerstag in Rabat die vorläufigen Ergebnisse der dritten nationalen Behindertenerhebung vorgestellt. Demnach liegt die Behindertenquote im Land inzwischen bei 8,7 Prozent der Bevölkerung – ein deutlicher Anstieg gegenüber 6,8 Prozent bei der letzten Erhebung im Jahr 2014. Die Studie wurde vom Hohen Kommissariat für Planung (HCP) gemeinsam mit der Nationalen Beobachtungsstelle für menschliche Entwicklung (ONDH) und dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) durchgeführt.
Fast jeder dritte Haushalt betroffen
Für die Erhebung wurden zwischen Januar und den Folgemonaten 20.412 Haushalte von 236 Erhebungsteams in 47 Gruppen landesweit befragt, bei einer Verweigerungsquote von lediglich zwei Prozent. Das Ergebnis: Inzwischen lebt in fast jedem dritten marokkanischen Haushalt (rund 29 Prozent) mindestens eine Person mit Behinderung – zuvor war es etwa jeder vierte. Die Rate schwerer Behinderungen liegt bei 2,3 Prozent der Bevölkerung. Rachidi zufolge erklärt sich der Anstieg nicht allein durch eine tatsächliche Zunahme, sondern auch durch methodische Änderungen: Erstmals wurden auch Kinder zwischen zwei und 17 Jahren mit UNICEF-Erhebungsinstrumenten erfasst, für Erwachsene kam ein erweiterter Fragebogen der Washington Group zum Einsatz. Auch die alternde Bevölkerung Marokkos trage zu den höheren Zahlen bei – bei den Senioren liegt die Quote bei rund 26 Prozent. Regional zeigt sich ein großes Gefälle: Die Region Béni Mellal-Khénifra weist mit 14,2 Prozent den höchsten Wert auf, während Dakhla-Oued Ed-Dahab mit 2,4 Prozent am unteren Ende liegt.
Frauen und ländliche Bevölkerung stärker betroffen
Von den erfassten Menschen mit Behinderung sind 53,6 Prozent Frauen und 46,4 Prozent Männer. 60,5 Prozent leben in städtischen Gebieten, 39,5 Prozent auf dem Land. Als Hauptursache nannte die Erhebung in über 56 Prozent der Fälle nicht erbliche Krankheiten und gesundheitliche Beeinträchtigungen. Nur 29,7 Prozent der Betroffenen verfügen über eine formale medizinische Diagnose, was den Zugang zu gezielter Unterstützung erschwert. Bei der Erwerbstätigkeit zeigt sich eine deutliche Kluft zwischen den Geschlechtern: Die Beschäftigungsquote liegt bei insgesamt 12,7 Prozent, aufgeteilt in 23 Prozent bei Männern und lediglich 4 Prozent bei Frauen mit Behinderung.
Kostendruck und Forderungen nach besserem Zugang
Besonders belastend bleibt die finanzielle Situation der betroffenen Familien: 65,6 Prozent der Kosten für Medikamente tragen sie weiterhin selbst. Bei der Befragung nach den dringendsten Anliegen nannten 77 Prozent der Menschen mit Behinderung den kostenlosen Zugang zu Gesundheitsversorgung als wichtigste Forderung, gefolgt von Schulstipendien und einer konsequenteren Durchsetzung der gesetzlichen Beschäftigungsquote für Menschen mit Behinderung. Rachidi stellte die Ergebnisse bei einer Pressekonferenz vor, an der auch Vertreter der Vereinten Nationen, der spanischen Entwicklungszusammenarbeit sowie Parlamentsmitglieder teilnahmen. Die endgültigen, detaillierten Ergebnisse der Erhebung sollen nach Angaben des HCP in den kommenden Monaten veröffentlicht werden und sollen künftige Sozial- und Gesundheitspolitik des Königreichs mitbestimmen.
Quellen: Hespress, Yabiladi, Barlamantoday


