
Rund 90 Prozent aller Promovierenden in Marokko brechen ihre Doktorarbeit ab, bevor sie sie abschließen – eine Zahl, die auf Forschungsarbeiten des früheren Hochschulministers Abdellatif Miraoui zurückgeht. Mit diesem Problem im Blick startet der marokkanische Gründer Oussama Elasri am 16. September in Marrakesch offiziell die Plattform PhiDoc, die Doktoranden und Nachwuchswissenschaftler im ganzen Land – und perspektivisch in ganz Afrika – besser vernetzen soll.
Verpasste Erasmus-Frist als Auslöser
Die Idee zu PhiDoc entstand aus einer persönlichen Erfahrung: Elasri hatte 2025 eine Frist für ein Erasmus+-Förderprogramm verpasst, weil ihn die Information schlicht nicht rechtzeitig erreichte. Für ihn liegt das Problem nicht bei den Forschenden selbst. „Was marokkanische Forscher leisten, ist nicht das Problem. Das Problem ist die Infrastruktur rund um diese Arbeit“, sagte Elasri gegenüber marokkanischen Medien. Ein Forscher in Marrakesch und einer in Lyon könnten dieselbe Idee haben, so Elasri weiter, doch meist erfahre nur einer von beiden rechtzeitig von der Ausschreibung, die sie finanzieren würde.
Von Fristen-Alarm bis Mentoring: Was die Plattform bietet
PhiDoc bündelt mehrere Funktionen in einer App für iOS und Android sowie unter phidoc.org auf Französisch und Englisch: eine Verfolgung des eigenen Promotionsfortschritts, nach Fachrichtung und Karrierestufe gefilterte Benachrichtigungen zu Stipendien und Konferenzen, ein Verzeichnis marokkanischer Forschender im In- und Ausland, eine Vermittlung von Mentoren unter Professoren und erfahrenen Wissenschaftlern sowie Unterstützung bei Forschungsmethodik und wissenschaftlichem Schreiben. Auch eine Funktion zur Rekrutierung von Studienteilnehmern innerhalb der Plattform-Community ist Teil des Angebots, ebenso ein institutioneller Zugang für Promotionsschulen und Universitäten. Rund um den Start wird darauf verwiesen, dass 2023/24 mehr als 40.000 Studierende in marokkanischen Promotionsprogrammen eingeschrieben waren – eine große Zielgruppe für das neue Angebot.
Marokko als Ausgangspunkt für Afrika
Der Starttermin ist bewusst gewählt: Der 16. September fällt mit dem UN-Welttag der Wissenschaft, Technologie und Innovation für den globalen Süden zusammen. Elasri verweist dabei auf ein strukturelles Ungleichgewicht: Nach UN-Zahlen entfallen rund 77 Prozent der weltweiten Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf einkommensstarke Länder, auf einkommensschwache Länder dagegen nur etwa 0,3 Prozent. PhiDoc soll zunächst in Marokko Fuß fassen, bevor die Plattform nach dem ersten Betriebsjahr auf den afrikanischen Kontinent und die MENA-Region ausgeweitet werden soll. Die Registrierung für Mentorinnen und Mentoren ist bereits ab dem Start geöffnet. Ob die Plattform tatsächlich dazu beiträgt, die hohe Abbruchquote unter marokkanischen Doktoranden zu senken, wird sich erst zeigen, wenn sie sich in der Praxis bewähren muss.
Quellen: Hespress English, Hespress Français


