
Kurz vor dem offiziellen Schulbeginn am 7. September ist der marokkanische Buchhandel in einen offenen Konflikt mit dem Bildungsministerium getreten. Die Alliance des Libraires au Maroc, der Branchenverband der Buchhändlerinnen und Buchhändler, hat den Dialog mit dem Ministerium ausgesetzt und ruft zum Boykott der Werke von drei Verlagen auf, die Lehrbücher für das Reformprogramm der „Pionierschulen“ produzieren. Grund ist ein Streit um Handelsspannen, der zu spürbaren Lieferengpässen bei zentralen Schulbüchern geführt hat.
Bis zu 20 Prozent der Titel fehlen
Nach Angaben des Branchenverbands waren Mitte August erst 70 bis 80 Prozent der für die Pionierschulen vorgesehenen Lehrbücher verfügbar – mehr als jeder fünfte Titel fehlte demnach in den Regalen. Hassan El Moatassim, Präsident der Alliance des Libraires au Maroc, erklärte, das Land erlebe in diesem Jahr einen Mangel an Schulbüchern, der sowohl das öffentliche als auch das private Bildungswesen betreffe. Einige Bücher seien in zahlreichen Buchhandlungen weiterhin nicht in ausreichender Stückzahl erhältlich, da Druck und Auslieferung noch nicht abgeschlossen seien.
Verlage sollen Handelsspannen unterlaufen haben
Im Zentrum des Konflikts stehen drei Verlage – El Maârif, Sochepress und die Librairie des Écoles –, denen der Verband vorwirft, die den Buchhändlern zugesicherten Margen nicht einzuhalten. Diese seien von den früher üblichen 20 bis 25 Prozent auf teils nur noch 10 bis 15 Prozent gesunken, während Buchhändler weiterhin Transport, Personal, Miete und Betriebskosten selbst tragen müssten. Gleichzeitig sind laut El Moatassim auch die Endpreise gestiegen: Französischsprachige Lehrbücher verteuerten sich um rund 5 Dirham, arabischsprachige um etwa 9 Dirham. Bei importierten Werken für Privatschulen fielen die Aufschläge mit 5 bis 20 Dirham je Fach noch deutlicher aus. Nach einer Krisensitzung Mitte August erklärte der Verband am 19. August offiziell: „Wir setzen den Dialog mit dem Ministerium an diesem Punkt aus, da unsere grundlegenden Forderungen nicht erfüllt wurden.“
Ministerium reagiert mit verstärkten Kontrollen
Hintergrund des Streits ist die Reform der „Pionierschulen“, bei der das Bildungsministerium die Erstellung der Lehrinhalte stärker in die eigene Hand genommen hat. Verlage verloren dadurch einen Teil ihrer redaktionellen Rolle, während sich zugleich Formate und Lehrpläne änderten – was laut Branchenvertretern die Produktionskapazitäten zusätzlich belastet. Das Ministerium wies die Darstellung einer Marktkrise zurück und kündigte stattdessen ab dem 28. August verstärkte Kontrollen gegen informelle Verkäufe an. Eine Einigung zwischen Ministerium und Buchhändlern zeichnete sich zum Schulstart am 7. September zunächst nicht ab; der Verband rief die Branche auf, geschlossen aufzutreten, um die Stabilität des Sektors zu sichern.
Zwei Wochen nach Schulbeginn: Regale in Casablanca weiterhin lückenhaft
Update vom 14. September: Auch eine Woche nach dem offiziellen Schulstart am 7. September hat sich die Lage nicht wesentlich entspannt. Nach Angaben mehrerer Buchhandlungen in Casablanca fehlen weiterhin zahlreiche Titel in den Regalen, besonders betroffen sind arabischsprachige Lehrwerke. Majida Belkadi von der Buchhandlung Libre Service berichtete, es fehlten derzeit viele Schulbücher, „insbesondere aus der Sammlung Al Raed“. Betroffen seien Titel aus mehreren bekannten Lehrbuchreihen wie Al Moumtaz, Mourchidi, Fi Rihab und Al Manar – nach Einschätzung von Branchenvertretern könnten landesweit noch bis zu 30 Titel nicht verfügbar sein, darunter auch Materialien für die Abschlussklassen des Baccalauréat. Auch aus Frankreich importierte Ausgaben für das laufende Schuljahr sind vielerorts noch nicht eingetroffen.
„Wenn 100.000 Exemplare gebraucht werden, kommen nur 40.000 bis 50.000 an“
Hassan El Kamoun, Präsident der Vereinigung unabhängiger Buchhändler, benannte gegenüber Le360 ein strukturelles Problem bei der Nachfrageplanung der Verlage: „Wenn die Nachfrage bei 100.000 Exemplaren liegt und nur 40.000 bis 50.000 auf den Markt kommen, sind die Bestände schnell aufgebraucht.“ Als weiteren Grund für Verzögerungen bei Druck und Auslieferung nannten Branchenvertreter die zeitliche Überschneidung mit dem Druck von Wahlkampfmaterial vor der Parlamentswahl am 23. September, die die Kapazitäten der Druckereien zusätzlich belaste. In den Klassenzimmern zeigen sich die Folgen konkret: Lehrkräfte behelfen sich Berichten zufolge mit der Tafel, digitalen Dokumenten oder dem Teilen weniger vorhandener Exemplare, während manche Schülerinnen und Schüler bereits über eigene Bücher verfügen und andere weiterhin darauf warten. Besonders betroffen sind laut Beobachtern Klassenstufen, in denen zum laufenden Schuljahr neue Lehrpläne eingeführt wurden – hier hängt die Umsetzung der Reform unmittelbar von der pünktlichen Verfügbarkeit der neuen Materialien ab. Eine offizielle Stellungnahme des Bildungsministeriums zu dieser jüngsten Entwicklung liegt bislang nicht vor.
Quellen: Le360, Le360, ActuaLitté


