
Marokko zählt laut einer neuen Weltbank-Analyse zu den wenigen afrikanischen Volkswirtschaften, die sich erfolgreich in globale und regionale Industrie-Wertschöpfungsketten eingebunden haben – bleibt dabei aber weit stärker mit Europa als mit dem eigenen Kontinent verflochten. Das geht aus dem Bericht „Integrating Africa: From Threads to Hubs“ hervor, den die Weltbankgruppe gemeinsam mit der Afrikanischen Entwicklungsbank am 28. August in Addis Abeba vorgestellt hat.
Automobil, Luftfahrt und Chemie als Stärken
Der Studie zufolge gehört Marokko neben Kenia, Südafrika und Tunesien zu einer kleinen Gruppe afrikanischer Länder, deren sogenannte Vorleistungsbeteiligung an globalen Wertschöpfungsketten in einzelnen Sektoren die Marke von 10 Prozent der Bruttoexporte übersteigt – die meisten afrikanischen Volkswirtschaften liegen darunter. Zwischen 2015 und 2019 erzielte Marokko nach Weltbank-Zahlen rund 496 Millionen US-Dollar aus regionalen Wertschöpfungsketten. Als Kompetenzfelder nennt der Bericht insbesondere Automobil-Kabelbäume, Elektronik, Pharmazeutika und Luft- und Raumfahrtkomponenten, die vor allem über die Nähe zu europäischen Zulieferernetzwerken und Exportverarbeitungszonen entstanden sind. Auch bei verarbeiteten Chemieprodukten – einem kontinentalen Handelsvolumen von rund 2,7 Milliarden US-Dollar – zählen Marokko, Ägypten und Südafrika zu den treibenden Kräften.
Schwache Anbindung an den eigenen Kontinent
Trotz dieser industriellen Basis attestiert die Weltbank Marokko und Tunesien eine auffällige Schieflage: Beide Länder seien stärker mit europäischen als mit afrikanischen Märkten integriert. Als Ursache nennt der Bericht weniger geografische Distanz als vielmehr politische Zersplitterung und regionale Spannungen im Maghreb. Die Arabische Maghreb-Union, der auch Marokko angehört, gilt der Analyse zufolge mit einem innerregionalen Handelsanteil von unter 5 Prozent als der am wenigsten integrierte Wirtschaftsraum des Kontinents. Insgesamt verlassen fast 85 Prozent des afrikanischen Handels den Kontinent, während der Anteil des innerafrikanischen Handels an den Gesamtexporten nur bei etwa 15 bis 17 Prozent liegt – in Subsahara-Afrika liegt der Anteil regionalen Handels bei knapp einem Fünftel der Exporte.
Weltbank drängt auf Umsetzung der Freihandelszone
Bei der Vorstellung des Berichts betonte Ndiamé Diop, Vizepräsident der Weltbank für das östliche und südliche Afrika: „Afrika hat ein kontinentales Freihandelsabkommen. Der Fokus liegt jetzt auf der Umsetzung.“ Laut Weltbank-Schätzungen könnte allein eine Liberalisierung des Dienstleistungshandels den innerafrikanischen Handel im Rahmen des Freihandelsabkommens AfCFTA bis 2035 um 60 bis 64 Prozent steigern. Rund 60 Prozent der derzeitigen Handelskosten auf dem Kontinent gehen laut Bericht auf hausgemachte Hürden wie Zollverzögerungen, ineffiziente Logistik und Transportbeschränkungen zurück – Baustellen, die sich anders als geografische Distanz gezielt politisch angehen ließen. Für Marokko sieht die Weltbank angesichts der bereits vorhandenen industriellen Basis in Automobil-, Luftfahrt- und Chemiesektor erhebliches Potenzial, seine Rolle in kontinentweiten Produktionsnetzwerken auszubauen, sollte die regionale Integration im Maghreb und mit dem übrigen Afrika voranschreiten.
Quellen: World Bank, Morocco World News, Assahifa


