Rekord hinter Gittern: Marokkos Gefängnisse zu 158 Prozent belegt – mehr als 102.000 Insassen

Langer Zellentrakt mit Gewölbedecke in einem Gefängnis (Symbolbild)
Foto: Dudva, Lizenz CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikimedia Commons

Marokkos Gefängnisse sind so voll wie nie: Ende Oktober 2026 saßen 102.941 Menschen hinter Gittern, vor einem Jahr waren es noch 98.692. Das entspricht einem Zuwachs von rund 4.250 Insassen oder etwa 4,3 Prozent. Die landesweite Belegung liegt damit bei 158 Prozent der vorgesehenen Kapazität – einzelne Haftanstalten sind nach Angaben der Gefängnisverwaltung sogar zu mehr als 300 Prozent ausgelastet.

Mehr Inhaftierte je Einwohner als Algerien, Tunesien oder Spanien

Die Zahlen nannte der Leiter der Gefängnisverwaltung (DGAPR), Mohamed Saleh Tamek, am Mittwoch vor Abgeordneten des Parlaments. Marokko kommt demnach auf 280 Inhaftierte je 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Algerien sind es 217, in Tunesien 267, in Mauretanien 57. Auch europäische Länder liegen deutlich darunter – Spanien mit 121, Frankreich mit 129. Das jährliche Wachstum der Gefängnispopulation erreichte zeitweise sogar fünf Prozent, trotz des Ausbaus von Kapazitäten.

Alternative Strafen wirken, aber nicht genug

Die Verwaltung setzt auf zwei Instrumente. Seit Inkrafttreten des Gesetzes zu alternativen Strafen reichte sie 12.489 Anträge und Vorschläge bei den Justizbehörden ein, um Haftstrafen oder Reststrafen durch andere Maßnahmen zu ersetzen; von Januar bis Ende September kamen 3.408 Personen in den Genuss einer solchen Regelung. Hinzu kommen automatische Strafnachlässe: Sie betrafen bis zum 25. Oktober 152.487 Fälle und führten zur Entlassung von 12.547 Häftlingen.

Tamek bezeichnete diese Zahlen als bedeutsam, aber nicht ausreichend, um den Trend dauerhaft umzukehren. Die jüngsten Gesetzesreformen hätten das Wachstum bislang nicht gebremst. Er appellierte an die Richter, seltener Untersuchungshaft anzuordnen und häufiger Alternativen zur Freiheitsstrafe zu nutzen. Neue Gefängnisse zu bauen oder Insassen freizulassen, löse das Problem nicht, solange die Ursachen nicht angegangen würden, die Menschen in das System bringen. Die Überbelegung sei das Haupthindernis für bessere Haftbedingungen und belaste Verpflegung, Gesundheitsversorgung, Sicherheit, Infrastruktur und Personal.

Haushalt 2027: Mehr Aufgaben, weniger neue Stellen

Bei der Vorstellung des Budgetentwurfs für 2027 im Justizausschuss der Abgeordnetenkammer forderte Tamek zudem eine integrierte öffentliche Politik zur Resozialisierung und Wiedereingliederung ehemaliger Häftlinge, die im neuen Regierungsprogramm verankert werden soll. Die Betriebsmittel der DGAPR liegen mit 1,128 Milliarden Dirham nahe am Vorjahresniveau, die Investitionsmittel bleiben unverändert bei 200 Millionen Dirham. Die Zahl neu geschaffener Planstellen sinkt dagegen von 2.020 im Jahr 2026 auf 1.500 im kommenden Jahr.

Bei den Bildungs- und Ausbildungsprogrammen verzeichnete die Verwaltung Fortschritte: 5.910 Gefangene nahmen an Alphabetisierungskursen teil, 8.730 an einer Berufsausbildung – fünf Prozent mehr als zuvor. Ob diese Angebote ausreichen, um bei weiter steigenden Insassenzahlen Wirkung zu entfalten, bleibt die zentrale Frage der anstehenden Haushaltsberatungen.

Quellen: Hespress English, Hespress English (MAP)

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