
Gut fünf Wochen vor der Parlamentswahl am 23. September meldet sich das UN-Kinderhilfswerk UNICEF mit einem ungewöhnlichen Appell zu Wort: Die Organisation fordert die marokkanischen Parteien auf, die Rechte von Kindern zu einem zentralen Bestandteil ihrer Wahlprogramme zu machen. In einer am 17. August veröffentlichten Erklärung erinnert UNICEF daran, dass Kinder zwar nicht wählen dürfen, von den politischen Entscheidungen der kommenden Legislaturperiode aber unmittelbar betroffen sind. „Kinder nehmen nicht an der Wahl teil, aber die heute getroffenen Entscheidungen werden ihre Zukunft und die Marokkos für die kommenden Jahrzehnte prägen“, heißt es in dem Aufruf.
Ein Drittel der Bevölkerung betroffen
UNICEF verweist auf das demografische Gewicht der jungen Generation: Kinder machen nach Angaben der Organisation fast ein Drittel der Einwohner Marokkos aus und gelten damit als strategischer Hebel für menschliche Entwicklung, sozialen Zusammenhalt und nachhaltigen Wohlstand. Zugleich würdigt UNICEF Fortschritte des vergangenen Jahrzehnts, etwa den Ausbau der Sozialversicherung, Reformen in Gesundheit und Bildung sowie neue Programme zur territorialen Entwicklung.
Den Fortschritten stellt die Organisation jedoch eine Reihe ungelöster Probleme gegenüber. Jährlich sterben demnach rund 8.000 Neugeborene, bevor sie einen Monat alt werden. Im Schuljahr 2024/25 verließen mehr als 276.000 Kinder vorzeitig die Schule, während knapp 103.000 Kinder zwischen 7 und 17 Jahren weiterhin arbeiten müssen statt zur Schule zu gehen. Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels: Nach UNICEF-Zahlen sind rund 6,9 Millionen Kinder zunehmend von Wasserknappheit und den Auswirkungen des Klimawandels betroffen.
Konkrete Vorschläge für Parteien und künftige Regierung
UNICEF beschränkt sich nicht auf eine allgemeine Mahnung, sondern hat den Angaben zufolge Parteien, dem künftigen Parlament und der nächsten Regierung ein Bündel operativer Vorschläge zur Verfügung gestellt. Diese decken Gesundheit, Bildung, soziale Inklusion, Kinderschutz sowie die Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel ab. Die Organisation sieht die Zeit bis 2030, dem Zieljahr der UN-Nachhaltigkeitsziele, als entscheidende Phase, um die Ambitionen des marokkanischen Entwicklungsmodells in konkrete Ergebnisse für junge Menschen umzusetzen.
Der Appell reiht sich in eine wachsende Zahl zivilgesellschaftlicher und internationaler Stimmen ein, die den Wahlkampf 2026 als Gelegenheit begreifen, um Themen jenseits der klassischen Parteienrivalität auf die Agenda zu setzen. Ob und wie stark Kinderrechte tatsächlich Eingang in die Wahlprogramme der Parteien finden, dürfte sich erst zeigen, wenn die Programme im Vorfeld der offiziellen Kampagne ab dem 10. September veröffentlicht werden.
Quellen: Hespress Français, Aujourd’hui le Maroc


