Marokkos Gas-Pipeline-Projekt gewinnt an Bedeutung, während EU russisches Gas zurückfährt

Karte der Gaspipelines im Mittelmeerraum mit der Maghreb-Europa-Leitung zwischen Marokko und Spanien
Foto: Sémhur, Lizenz CC BY-SA 4.0, Quelle: Wikimedia Commons

Marokkos Ambitionen als Energie-Drehscheibe zwischen Westafrika und Europa gewinnen neuen Auftrieb: Da die Europäische Union ihre Gasimporte aus Russland immer weiter zurückfährt und nach zusätzlichen Lieferrouten aus Afrika sucht, rückt die geplante African Atlantic Gas Pipeline zwischen Nigeria und Marokko stärker in den Fokus. Der Anteil russischen Gases an den EU-Importen ist laut Europäischer Kommission von 45 Prozent vor der Invasion der Ukraine 2022 auf inzwischen nur noch 12 Prozent im Jahr 2025 gesunken – Nordafrika deckt mittlerweile rund 13 Prozent des europäischen Gasbedarfs.

25-Milliarden-Dollar-Projekt mit Etappenzielen

Die frühere „Nigeria-Marokko-Gaspipeline“, inzwischen offiziell als African Atlantic Gas Pipeline bezeichnet, soll sich über rund 6.900 Kilometer entlang der westafrikanischen Atlantikküste erstrecken und 13 Länder miteinander verbinden. Bei Kosten von etwa 25 Milliarden US-Dollar könnte die Leitung im Endausbau bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr transportieren. Bis zu 15 Milliarden Kubikmeter davon könnten über die bestehende Maghreb-Europa-Pipeline, die Marokko mit Spanien verbindet, sowohl den marokkanischen Markt als auch Europa versorgen. Das Projekt hat Machbarkeitsstudien und technische Vorplanungen (FEED) bereits abgeschlossen, eine endgültige Investitionsentscheidung steht jedoch noch aus.

Westafrikanischer Staatenbund gibt grünes Licht

Einen wichtigen politischen Schub erhielt das Vorhaben Mitte Juli, als die Staats- und Regierungschefs der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (ECOWAS) beim Gipfel im sierra-leonischen Freetown ein zwischenstaatliches Rahmenabkommen zur Unterstützung der Pipeline unterzeichneten. Das Abkommen schafft einen gemeinsamen rechtlichen Rahmen für die beteiligten Länder, stellt aber noch keine endgültige Finanzierungszusage dar. Als nächste Schritte sollen eine hochrangige zwischenstaatliche Behörde mit Sitz in Nigeria sowie ein Projektunternehmen in Marokko entstehen – ein Gemeinschaftsunternehmen der marokkanischen ONHYM und der nigerianischen NNPC, das Bau und Finanzierung vorantreiben soll. Parallel wirbt Marokko um Finanzierungszusagen internationaler Institutionen wie der US-Exportkreditbank Exim Bank und der Weltbank.

Konkurrenz durch die Trans-Sahara-Pipeline

Marokkos Projekt steht in Konkurrenz zur rivalisierenden Trans-Sahara-Gaspipeline, die Nigeria über Niger und Algerien auf rund 4.128 Kilometern anbinden und ebenfalls bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich transportieren soll. Beobachter verweisen auf die instabile Sicherheitslage in Niger und der Sahelzone als Risikofaktor für diese Route. Das auf die ukrainische Initiative UNITED24 zurückgehende Portal UNITED24 Media argumentierte in einer viel beachteten Analyse, Russland nutze seinen wachsenden Einfluss in der Sahelzone, um Alternativen zu russischem Gas zu erschweren – konkrete Belege für eine gezielte russische Einflussnahme auf die Pipeline-Projekte blieben in der Analyse jedoch aus. Unabhängig davon gelten Finanzierung, Sicherheitslage und die technische Umsetzung für beide Korridore als erhebliche Hürden. Nach bisherigen, noch unverbindlichen Zeitplänen könnte ein erster Bauabschnitt frühestens Anfang der 2030er Jahre in Betrieb gehen, während die vollständige Fertigstellung der Gesamtroute noch deutlich weiter in der Zukunft liegt.

Quellen: Hespress English, Morocco World News, Energy Connects

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