Sardinen-Engpass in deutschen Supermärkten: Marokkos Fischbestände unter Druck

Sardinen-Fischerboote im Hafen von Essaouira, Marokko
Foto: Donald Scott Lee, Lizenz CC BY-SA 4.0, Quelle: Wikimedia Commons

In deutschen Supermärkten wird eine marokkanische Spezialität knapp: Sardinen aus der Dose. Ketten wie Aldi Nord, Lidl, Rewe, Kaufland und der Online-Händler Picnic melden seit Wochen zeitweise leere Regale oder eingeschränkte Verfügbarkeit einzelner Sardinen-Produkte. Rewe spricht offiziell von einer „europaweit angespannten Rohwarensituation“. Der Grund liegt vor allem an der Atlantikküste Marokkos und der Westsahara, wo die Bestände des kleinen Speisefischs in den vergangenen Jahren dramatisch eingebrochen sind.

Fischbestände vor Marokko brechen massiv ein

Marokko ist traditionell der weltweit größte Anlandeplatz für Sardinen und galt bislang als wichtigster Lieferant für den europäischen Markt. Doch die Zahlen zeigen einen dramatischen Trend: Wurden 2022 noch rund 965.000 Tonnen Sardinen vor der marokkanischen Küste angelandet, waren es 2024 nur noch etwa 525.000 Tonnen – ein Rückgang von knapp 45 Prozent innerhalb von zwei Jahren. Als Ursachen gelten der Klimawandel und veränderte Meeresbedingungen ebenso wie ein über Jahre hoher Befischungsdruck auf die Bestände vor Nordwestafrika.

Rabat schränkt Exporte ein, um Versorgung zu sichern

Als Reaktion auf den Bestandsrückgang hat Marokko seine Fischereipolitik verschärft: Seit Februar 2026 sind die Exporte von gefrorenen Sardinen aus dem Land stark eingeschränkt beziehungsweise weitgehend ausgesetzt, um zunächst die heimische Versorgung und Verarbeitungsindustrie sicherzustellen. Für die europäische Konservenindustrie, die traditionell auf marokkanische Rohware angewiesen ist, bedeutet das spürbar weniger Nachschub – mit direkten Folgen für die Supermarktregale in Deutschland und anderen EU-Ländern.

„Keine kurzfristige Erholung in Sicht“

Stefan Meyer, Geschäftsführer des Fisch-Informationszentrums (FIZ) in Hamburg, erklärt gegenüber deutschen Medien, dass Marokko bislang der mit Abstand größte Lieferant für den deutschen Markt gewesen sei. Auch die Bestände vor Spanien und Portugal im Nordostatlantik hätten sich zwar erholt, ihre Fangmengen reichten aber bei weitem nicht aus, um die entstandene Lücke zu schließen. Für die nordwestafrikanischen Bestände rechnet Meyer nicht mit einer kurzfristigen Erholung. Die Branche reagiert bereits: Hersteller weichen zunehmend auf verwandte Arten wie Sardinellen aus dem Indischen Ozean und dem Pazifik aus, um Engpässe zu kompensieren. Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland müssen sich zudem auf steigende Preise für Fischkonserven einstellen, sollte sich die Lage nicht bessern.

Für Marokko selbst ist die Entwicklung ambivalent: Einerseits sichert die Exportbeschränkung kurzfristig die heimische Versorgung und stützt die inländische Verarbeitungsindustrie, die tausende Arbeitsplätze an der Atlantikküste bietet. Andererseits drohen dem Land mittelfristig Exporteinnahmen zu entgehen, wenn sich die Bestände nicht erholen und internationale Abnehmer dauerhaft auf andere Lieferanten ausweichen. Fischereiexperten fordern seit Längerem ein strengeres Management der Sardinen-Fanggebiete, um die Grundlage der für Marokko wirtschaftlich bedeutenden Branche langfristig zu sichern.

Quellen: Lebensmittel Praxis, KNEWS.MEDIA

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