
Marokko steuert auf einen politischen Umbruch zu: Am Mittwoch, den 23. September 2026, wählt das Land ein neues Repräsentantenhaus mit 395 Sitzen – und erstmals seit acht Jahren ohne Aziz Akhannouch als Spitzenkandidaten der regierenden RNI. Der amtierende Regierungschef hatte bereits im Januar angekündigt, weder erneut für den Parteivorsitz noch als Kandidat für das Amt des Premierministers anzutreten.
RNI stellt sich neu auf
Mit Mohamed Chouki hat die Rassemblement National des Indépendants (RNI) einen neuen Parteichef installiert, der die Partei durch die entscheidende Mobilisierungsphase vor der Wahl führen soll. Die RNI regiert seit 2021 in einer Koalition mit der Istiqlal-Partei und der PAM und will ihre Stellung als stärkste Kraft im Parlament verteidigen – nun jedoch ohne das Zugpferd, das die Partei bei der letzten Wahl zum historischen Erfolg geführt hatte.
Akhannouchs Rückzug markiert das Ende einer Ära: Der Unternehmer und Politiker hatte die RNI seit 2016 geführt und war seit 2021 Regierungschef. Ob er dem künftigen Kabinett in anderer Funktion erhalten bleibt, ist offen – ausgeschlossen ist dies nach marokkanischem Verfassungsrecht nicht, sollte der König ihn ausdrücklich berufen.
Fragmentiertes Parteiensystem, Koalition erneut nötig
Am politischen Grundmuster dürfte sich wenig ändern: Marokkos Wahlrecht begünstigt traditionell eine starke Zersplitterung des Parlaments, sodass keine Partei in die Nähe einer absoluten Mehrheit kommt. Neben der RNI zählen Istiqlal, die Authenticity and Modernity Party (PAM) und die USFP zu den Kräften, die um Sitze und spätere Koalitionsbeteiligung konkurrieren. Beobachter rechnen damit, dass die aktuelle Regierungskoalition in ähnlicher Zusammensetzung im Amt bleibt, auch wenn sich die Sitzverteilung verschieben dürfte.
Wahlkampf vor dem Hintergrund sozialer Spannungen
Die Wahl findet in einem politisch aufgeladenen Klima statt: Nach den Protesten im Oktober 2025 hat die Regierung im laufenden Haushalt die Sozialausgaben deutlich erhöht, Bildung und Gesundheit sollen um mehr als 15 Prozent mehr Mittel erhalten. Gleichzeitig bleibt die Jugendarbeitslosigkeit mit 35 bis 37 Prozent bei den 15- bis 24-Jährigen eine der drängendsten Herausforderungen, während die Gesamtarbeitslosigkeit bei 12,8 Prozent liegt. Wie stark diese Themen den Wahlausgang prägen werden, dürfte sich erst in den kommenden Wochen des Wahlkampfs zeigen.


